
Was macht einen Urlaubstag wirklich unvergesslich? Auf meiner letzten Reise im Indischen Ozean jagte ein Höhepunkt den nächsten. Doch als ich mich anschließend fragte, welche Erlebnisse mich am tiefsten berührt hatten, waren es ausgerechnet zwei Momente, die auf keinem Reiseplan standen.
Der erste ereignete sich am Morgen meiner Abreise. Ich betrat gerade den Steg zum Wasserflugzeug, als vier Adlerrochen und ein Riffhai durch die Lagune glitten. Hinter der Insel ging die Sonne auf. Gemeinsam mit den Piloten beobachtete ich dieses unverhoffte Abschiedskomitee. Wir schauten schweigend aufs Meer und lächelten uns an. Keiner sagte ein Wort. In diesem Augenblick empfand ich eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und den Menschen neben mir. Ich war ergriffen.
Der zweite Moment war weit weniger spektakulär. Eigentlich passierte fast nichts. Ich verbrachte einen ganzen Tag damit, mich treiben zu lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Körper trieb im Wasser, meine Gedanken in den Wolken. Ich beobachtete Graureiher, Flughunde und Flussuferläufer. Am Abend staunte ich über Wolkenberge, die im Licht der untergehenden Sonne ihre Farben und Formen wechselten. Kein Ausflug, keine Sehenswürdigkeit, kein Ergebnis. Und trotzdem war es einer meiner schönsten Urlaubstage.
Was verband diese beiden Erfahrungen? Ich hatte sie nicht geplant. Ich hatte Zeit und Muße. Ich war aufmerksam. Und die Natur berührte mich tief.
Diese Frage erscheint mir inzwischen als eine der interessantesten, die wir uns am Anfang eines Urlaubs stellen können. Was macht mich glücklich, wenn niemand den Rhythmus meines Tages bestimmt?
Muße ist für mich dabei weit mehr als Nichtstun. Sie schafft Raum für Aufmerksamkeit. Wenn der nächste Programmpunkt nicht schon wartet, sehe ich genauer hin, höre genauer zu und nehme meine Umgebung bewusster wahr. An meinem Tag im Meer geschah genau das: Je weniger ich tat, desto mehr beobachtete ich. Muße wurde zur Voraussetzung für Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit zur Voraussetzung für Staunen.
Die Psychologie kennt für besonders intensives Staunen den Begriff „Awe“. Gemeint ist ein Gefühl, häufig verbunden mit Ehrfurcht, das entsteht, wenn uns etwas begegnet, das größer erscheint als unser gewohnter Bezugsrahmen: ein Bergmassiv, ein Sternenhimmel, Musik, eine Tierbegegnung oder ein besonderer menschlicher Moment.
Forschung deutet darauf hin, dass solche Erfahrungen unseren Blick über uns selbst hinauslenken und das Gefühl verstärken können, Teil eines größeren Ganzen zu sein.
Meine Begegnung mit den Adlerrochen war für mich genau solch ein Moment. Entscheidend waren nicht allein die Tiere. Es war das Zusammenspiel aus Überraschung, Sonnenaufgang, Natur und diesem kurzen wortlosen Einverständnis zwischen Menschen, die gemeinsam staunten.
Die Glücksforschung unterscheidet zwischen hedonischem und eudämonischem Wohlbefinden. Der Gedanke der Eudaimonia reicht bis zu Aristoteles zurück, der sich bereits vor mehr als 2.000 Jahren mit der Frage beschäftigte, was ein gelungenes und erfülltes Leben ausmacht. Vereinfacht gesagt fragt hedonisches Glück: Fühle ich mich gerade gut? Eudämonisches Glück fragt: Erfüllt mich das, was ich erlebe, und hat es Bedeutung für mich?
Ein hervorragendes Essen, eine Massage oder ein Bad im Meer schenken uns Genuss und Freude. Eudämonisches Wohlbefinden entsteht eher durch Sinn, persönliche Entwicklung und Verbundenheit.
Beides ergänzt sich wunderbar. Im warmen Meer zu treiben war Genuss. Den Sonnenaufgang über der Lagune zu erleben ebenfalls. Doch in meinen besonderen Momenten kam etwas hinzu: Staunen, Ergriffenheit und Verbundenheit. Aus einem schönen Augenblick wurde eine Erfahrung, die weiterwirkte.
Heute können wir fast alles organisieren: Floating Breakfast, Helikopterflug, Sunset Cruise. Social Media zeigt uns oft schon vor der Abreise, welche Orte wir besuchen und welche Bilder wir dort aufnehmen sollten. Entsprechend wenig überrascht sind wir dann vor Ort.
Hinzu kommt, je dichter der Reiseplan, desto weniger Raum bleibt für das Unvorhersehbare. Manche meiner schönsten Urlaubsmomente entstanden aber gerade deshalb, weil ich sie weder planen, kaufen noch erzwingen konnte.
Natürlich möchte ich auch weiterhin auf Reisen besondere Orte und Sehenswürdigkeiten entdecken, hervorragend essen und außergewöhnliche Dinge unternehmen. Doch ich habe immer wieder erlebt, dass das größte Glück einer Reise gerade im Unvorhersehbaren liegt: in dem, was in keinem Reiseführer steht und sich weder bestellen noch planen oder wiederholen lässt. In unserer oft durchgetakteten und bis ins Detail organisierten Zeit empfinde ich das als eine ebenso einfache wie erhellende Erkenntnis.
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