
Traumstrände und türkisfarbenes Meer machen die Malediven berühmt. Doch ihr größter Schatz sind die Menschen des Inselstaates. Wer an die Malediven denkt, denkt an endlose Sandstrände, türkisfarbene Lagunen und luxuriöse Wasservillen. Doch nach mehreren Wochen auf verschiedenen Inseln bleibt mir etwas anderes noch stärker in Erinnerung: die Menschen.
Die Gastfreundschaft der Malediver reicht weit über perfekten Service hinaus. Ihre Wurzeln liegen auch in der Geschichte und Geografie des Inselstaates. Über Jahrhunderte lebten die Menschen auf winzigen, weit über den Indischen Ozean verstreuten Eilanden. Das Leben auf engem Raum und die Abhängigkeit vom Meer verlangten Zusammenhalt und Verlässlichkeit. Gleichzeitig brachten alte Handelsrouten Menschen und Einflüsse aus fernen Ländern auf die Inseln. So verbanden sich Abgeschiedenheit und Weltoffenheit. Heute sind die Malediven zu einem Schmelztiegel für Menschen aus aller Welt geworden. Unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Religionen treffen hier friedlich aufeinander und formen eine bemerkenswerte Gemeinschaft. Auf meiner letzten Reise habe ich auf drei Inseln erlebt, welche unterschiedlichen Formen diese Gastfreundschaft annehmen kann.
Schon bei meiner Ankunft auf Kanifushi spüre ich, wie zugewandt sich die Menschen auf der Insel begegnen. Während das Wasserflugzeug auf die Lagune gleitet, erklingen am Steg schon die Rhythmen der Boduberu-Trommler. Das Team reicht mir frischen Kokosnusssaft direkt aus der Frucht und legt mir geflochtenen Schmuck aus Palmblättern um. Nach der langen Reise wartet in meinem Outdoor-Bad sogar eine warme, mit Blütenblättern verzierte Badewanne auf mich. Welch eine aufmerksame Geste.
Rund 500 Menschen aus 21 Nationen leben und arbeiten auf Kanifushi: Malediver, Nepalesen, Bangladescher, Sri Lanker, Ägypter, Filipinos, Thailänder, Indonesier und viele andere. Unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Religionen begegnen sich hier täglich. Auf meine Frage, wie dieses Zusammenleben funktioniert, antworten mir maledivische Mitarbeiter erstaunlich schlicht: Sie verstehen sich weniger als Kollegen denn als Familie. Genau das imponiert mir. In einer Welt, in der kulturelle und religiöse Unterschiede so häufig trennen, könnte diese kleine Insel mitten im Indischen Ozean als Vorbild dienen.
Diesen Sinn für Gemeinschaft spüre ich auch als Gast. General Manager Ram Bhoyroo begrüßt seine Gäste persönlich mit Namen und spricht über seine Mitarbeiter mit bemerkenswerter Achtung. Der freundliche Inder an der Obststation beginnt seinen Dienst morgens um drei Uhr und lächelt mich dennoch jeden Morgen voller Elan an, wenn er mir mit sichtlicher Freude eine frische Papaya überreicht. Meine Vorliebe für Papayas hat er sich seit unserer ersten Begegnung gemerkt. Auch der nepalesische Kellner besitzt die seltene Gabe, einem innerhalb weniger Augenblicke das Gefühl zu geben, wirklich gesehen zu werden.
Kanifushi bedeutet übersetzt „Funkelndes Eiland“. Für mich sind es, neben den makellosen Stränden, dem schillernden Inselgrün mit seinen jahrhundertealten Banyan-Trees, vor allem die Menschen, die es zum Strahlen bringen.
Auf Finolhu begegnet mir eine andere Facette maledivischer Gastfreundschaft: Hingabe. Dieses beinahe aus der Zeit gefallene Wort beschreibt für mich die selten gewordene Kunst, einem Menschen oder einer Sache die volle Aufmerksamkeit zu schenken.
Wie sich diese Hingabe anfühlt, erlebe ich bei einer 60-minütigen balinesischen Massage. Suman aus Bhutan widmet jeder Partie meines Körpers dieselbe ungeteilte Aufmerksamkeit. Allein die Art, wie sie meine Hände massiert, ist außergewöhnlich. Jede Faser, jede Sehne, jeder kleine Muskel wird bedacht. Suman massiert mit Verstand, Gefühl und Intuition.
Auch beim traditionellen maledivischen Abend ist diese Sorgfalt spürbar. Stundenlang bereitet die Küchencrew, darunter viele maledivische Frauen von benachbarten „Local Islands“, regionale Spezialitäten nach überlieferten Familienrezepten zu. Auch darin zeigt sich jene Hingabe, die mir auf Finolhu immer wieder begegnet.
Am stärksten bleibt mir jedoch eine kleine Szene auf der Sandbank von Finolhu in Erinnerung. Dort liegt das legendäre Crab Shack Restaurant, und dort treffe ich Upal aus Sri Lanka wieder. Seit fünf Jahren arbeitet er auf Finolhu, und schon bei früheren Besuchen hatte ich ihn mit seinem unverwechselbaren breiten Lachen ins Herz geschlossen.
Als uns an diesem Nachmittag ein Sturm überrascht, steht Upal völlig durchnässt am Boot, reicht den Gästen Regenschirme und Handtücher und lächelt dabei, als wäre das schlechte Wetter kaum der Rede wert. Ich versuche, ihm mein eigenes Handtuch über die Schulter zu legen. Doch Upal lehnt lachend ab und kümmert sich weiter um seine Gäste. Es ist eine kleine Szene, die so viel über die Menschen auf den Malediven aussagt. Denn große Gastfreundschaft zeigt sich für mich genau in solchen Augenblicken gelebter Selbstlosigkeit.
Im LUX* South Ari Atoll begegnet mir eine dritte Facette der Gastfreundschaft: die Freude daran, Gästen die eigene Heimat näherzubringen.
Einer, der das auf besondere Weise tut, ist Isse Ismail. Seit fast fünf Jahren arbeitet der Malediver im Wassersportzentrum des Resorts und kennt das Meer rund um Dhidhoofinolhu wie nur wenige. Die Insel liegt nahe dem South Ari Marine Protected Area, einem der bedeutendsten Reviere für Walhaie, die hier das ganze Jahr über gesichtet werden können.
Isse ist unzählige Male mit den größten Fischen der Erde geschnorchelt. Zweimal begegnete er sogar einem Blauwal, dem größten Lebewesen unseres Planeten, einmal einem Finnwal, dem zweitgrößten Säugetier der Erde. Während unseres Gesprächs zeigt er mir Aufnahmen aus den vergangenen Jahren und erzählt von einzelnen Walhaien, als spräche er von alten Bekannten. Mehr als 600 Tiere wurden in der Region bereits erfasst. Ihr individuelles Punktmuster funktioniert wie ein Fingerabdruck. Wird ein bislang unbekannter Walhai dokumentiert, darf sein Entdecker ihm einen Namen geben. Auch Isse wurde bereits diese Ehre zuteil.
Dabei beeindruckt mich besonders seine respektvolle Haltung gegenüber der Natur: Abstand halten, den Tieren ihren Raum lassen und sie niemals berühren. Ich verzichte an diesem Tag bewusst auf die eigene Walhai-Suche. Stattdessen sitze ich bei Isse, lausche seinen Erzählungen und sehe die Unterwasserwelt für einen Moment durch seine Augen.
Diese Verbundenheit mit der Natur spüre ich auf der ganzen Insel. Sandige Wege führen durch üppige Gärten mit Palmen, Bananenstauden, Hibisken und Frangipani-Bäumen. Ich fahre mit dem Fahrrad durch die tropische Vegetation, halte im kleinen Eisladen ICI und esse zum ersten Mal in meinem Leben Yam-Eis. Mitten im Inselgrün wartet der „Tree of Wishes“, an dem Gäste ihre Wünsche hinterlassen können. Auch ich könnte einen Wunsch aufschreiben. Wenn mir im Moment nur einer einfallen würde.
Das Türkis der Lagunen und das Weiß der Strände werden in meiner Erinnerung irgendwann verblassen. Was bleibt, sind die aufrichtigen Begegnungen mit Menschen, die mir mit Aufmerksamkeit, Hingabe und Zugewandtheit das Gefühl gegeben haben, für eine Weile Teil ihrer Welt zu sein. Menschen, die mir gezeigt haben, wie selbstverständlich ein herzliches Miteinander über kulturelle, religiöse und persönliche Unterschiede hinweg gelingen kann. Und die für mich gerade darin zu Vorbildern geworden sind.
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