Geschätzte Leserschaft, begeben Sie sich mit mir, Thomas, auf eine Zeitreise in das Jahr 2006. Erinnert ihr euch beispielsweise noch an den iPod, ein Relikt aus den 2000er Jahren, der jetzt vielleicht im hintersten Teil des Kastens sein eher trauriges Dasein fristet? Blackberrys waren der neueste Schrei am Markt und die heute allgegenwärtige Social Media steckte in diesem Jahrzehnt noch in den Kinderschuhen. Es war eine Zeit, in der man noch gerne Bücher gelesen hat, anstatt ständig nur auf dem Handy zu scrollen . Die Erinnerung ist oftmals etwas verklärt, aber in Bezug auf Social Media denke ich, dass in früheren Zeiten doch einiges ruhiger und entschleunigter war. Wer von euch ertappt sich nicht auch ständig dabei sehr oft am Tag die Plattform Instagram aufzurufen, weil wieder eine neue Nachricht mit einem lauten „Pling“ eintrifft und sofort das Belohnungszentrum des Gehirns aktiviert wird?
Doch nun zurück zum Jahr 2006. An einem brütend heißen Sommertag im August 2006 beschlossen mein bester Freund Michael und ich das Robbie Williams Konzert in Wien zu besuchen. Robbie Williams war zu diesem Zeitpunkt am Höhepunkt seiner Karriere angelangt und als begnadeter Entertainer berühmt geworden. Somit begaben sich Michael und ich auf den weiten Weg von München ins Wiener Ernst Happel Stadion. Vor dem Konzert wollten wir aber noch einen Abstecher in den „Wiener Würstl Prater“ wagen. Wir waren zuvor noch nie in der Weltstadt Wien gewesen aber dieser Vergnügungspark war weit und breit für seinen hohen Unterhaltungsfaktor bekannt und da er in der Nähe des Ernst Happel Stadions gelegen ist, wollten wir ihn unbedingt besuchen. Die lange Autofahrt gestaltete sich trotz der Hitze abwechslungsreich und gesellig. Mit dem richtigen Beifahrer kann man mitunter sogar im Auto tiefsinnige Gespräche über Gott und die Welt führen und da wir beide so sehr ins Gespräch vertieft waren, verpassten wir fast um ein Haar die Ausfahrt und wären in Folge beinahe in Bratislava gelandet. Im Prater angekommen, durfte selbstverständlich die obligatorische Runde mit dem Riesenrad nicht fehlen und der Ausblick über Wien aus dieser schwindelerregenden Höhe war definitiv sehenswert. Da wir beide schon manchmal große Kindsköpfe sind, zogen uns auch die waghalsigen Fahrgeschäfte magisch an. Wir wirbelten wie ein Tornado im Kreis und fühlten uns genauso wie der Sänger Peter Schilling in seinem Kassenschlager „Völlig schwerelos“ in dem Fahrgeschäft “Break Dance“ schwebend. Mein Freund Michael behauptete vor der Fahrt mit der Achterbahn großspurig, dass er überhaupt keine Angst vor Achterbahnen hätte. Während der Fahrt kreischte er jedoch so laut wie ein kleines Kind, so dass ich etwas peinlich berührt war, als sich die Fahrgäste im Waggon vor uns tuschelnd umdrehten. Michael meinte etwas süffisant, sein Schreien sei ein „unverzichtbarer Teil des Fahrerlebnisses“. Später tobten wir uns dann beim Autodrom gehörig aus. Manchmal sind „gestandene Mannsbilder“ wie man in Österreich zu sagen pflegt doch noch ab und zu gerne im Geiste kleine Jungs ?. Ein besonderes Erlebnis hatten wir in der Geisterbahn, wo ich mich wirklich zu Tode erschreckt habe als aus dem Nichts eine täuschend echt aussehende Schlange aus Gummi aufgetaucht war. Da ich seit meinem Urlaub in Bali, in dem ich Auge in Auge einem Python im Vorgarten unseres Bungalows begegnet war, eine leichte Schlangenphobie hege, bin ich wie ein Derwisch aus dem fahrenden Waggon gesprungen. Der kleine Junge hinter mir hat mich im wahrsten Sinne des Wortes mit großen Augen entGEISTert angesehen. Er war wohl nicht ganz so zart besaitet wie ich…. Abschließend übten wir uns noch im Dosenschießen und ich ergatterte ein monströs großes Plüschstinktier, das ich fortan mit mir herumschleppte und damit wie ein etwas zu groß geratenes Kind wirkte. Da wusste ich jedoch noch nicht, dass es mir am Konzerteingang „leider“ wieder abgenommen werden sollte und nun hoffentlich dem Kind des vierschrötigen Sicherheitsmitarbeiters eine große Freude bereiten würde. Mit sehr viel Adrenalin geladen, machten wir uns nach einer äußerst deftigen Mahlzeit im weltbekannten Schweizerhaus auf den Weg ins Ernst Happel Stadion. Die Kalorien würden wir heute bestimmt noch beim Tanzen verlieren und manche Frauen finden ein kleines Bäuchlein sogar ganz attraktiv, wie mein Freund Michael mir augenzwinkernd versicherte.
Der Himmel erstrahlte in Rosa -und Lilatönen, durchzogen von roten Streifen. Als wir beim Konzertplatz ankamen, strömten die Menschenmassen ins Stadion. Ich hatte noch nie zuvor solch einen Menschenauflauf live und in Farbe erlebt. Wir sicherten uns einen Platz im Mittelfeld und versorgten uns mit einem „kühlen Blonden“. Mit knallender Pyrotechnik und einem ohrenbetäubenden Paukenschlag kam Robbie wie ein Wirbelsturm auf die Bühne gefegt und stimmte seinen Nr. 1 Hit „Let me entertain you“ an. Das Konzert begann und sogleich umwarb der smarte Sänger sein Publikum und schaffte es in Sekundenschnelle das Stadion zum Beben zu bringen. Die Menge frohlockte, jubelte, juchzte und es hatte gefühlte 90 Grad Saunatemperatur in dem „Hexenkessel“. Bei dem Lied „Rock DJ.“ spürte ich, dass mir jemand immerfort von hinten auf die Fersen trat. Ich drehte mich um und sah ein wunderschönes Mädchen mit einer frechen Kurzhaarfrisur, betörend blauen Kulleraugen und einem fröhlichen Grinsen im Gesicht. Ich war sofort hingerissen und obwohl ich mich eher als introvertiert bezeichnen würde, nahm ich doch all meinen Mut zusammen, um sie sanft an der Schulter anzutippen und sie mit einem Lächeln darauf hinzuweisen, dass sie meine Füße bitte nicht mit einem Tanzboden verwechseln sollte ?. Wir kamen daraufhin ins Gespräch und ich stellte mich als Thomas vor. „Und ich bin die Anna“ meinte das Mädchen. Sie war mit einer Freundin zugegen und zufälligerweise ebenfalls aus dem schönen München angereist. Wir kamen sofort ins Gespräch und stellten viele Gemeinsamkeiten fest. Die witzigste Begebenheit war, dass auch Anna so wie ich im pflegerischen Bereich tätig war. Wir konnten es kaum glauben und es musste wohl Schicksal sein, dass wir exakt aus derselben Stadt stammten und noch dazu denselben Beruf ausübten, (wenngleich beide in einem anderen Fachgebiet) und dann auch noch zufällig hintereinanderstanden. Unsere Begegnung war zu vergleichen wie die berühmte Suche nach der sogenannten Nadel im Heuhaufen oder wie ein Sechser im Zahlenlotto. Gemeinsamkeiten verbinden und langer Rede kurzer Sinn: Wir verbrachten daraufhin den Abend zusammen und verliebten uns unsterblich ineinander. Mittlerweile sind wir schon 20 Jahre lang ein Paar und mit zwei wunderbaren, glücklichen Kindern gesegnet. Darüber hinaus begleitet uns eine entzückende Dackelmischung in unserem Leben. Ja, und Robbie Williams hören wir nach wie vor hin und wieder ganz gerne.
Damals verfasste ich am nächsten Morgen noch ein persönlich gehaltenes Gedicht über diesen schicksalhaften Abend, der unser ganzes Leben verändern sollte:
Ein Schritt
Dann sprang ich
Höher als ein Zelt voller Leute
Stufen steigen
Helles Licht
An dem sich schön das Dunkle bricht
Du hast mich wieder aufgerichtet
Meine Mundwinkel ungemein geliftet
Ich fragte mich dann
Ob so etwas vielleicht irgendwann mal wieder vorkommen kann
Zum 20. Jubiläum unseres Kennenlernens jedoch wollte ich meiner Frau eine ganz besondere Freude bereiten. Mein Plan war es, ein außergewöhnliches Hotel für unseren Ehrentag auszuwählen. Ich scrollte an einem lauen Frühlingstag im Jahre 2025 auf der Plattform Instagram und plötzlich erschienen wunderschöne Bilder des Hotels „Das Edelweiss“ in Großarl auf dem Display. Obwohl auf Instagram sehr viele Fotos mehr Schein als Sein bedeuten, war ich fasziniert von der Schönheit dieses Hotels und spürte instinktiv, dass ich genau dieses Hotel für unser Jubiläum auswählen würde. Es sollte ein einzigartiges Erlebnis werden und dafür war ich auch bereit, tiefer in die Geldbörse zu greifen. Als Krankenpfleger erschien es mir mit meinem „Mickey Maus“ Lohn jedoch zuerst unmöglich, meinen Plan tatsächlich in die Tat umzusetzen. Ich grübelte und studierte sehr lange und schließlich kam mir die zündende Idee. Ich würde ein Jahr lang jeden Tag 5 Euro zur Seite legen und in einer Spardose verstecken, welche ich vor Anna geheim halten würde. Ein Jahr lang verzichtete ich auf den täglichen Pausenkaffee in der Kantine und nahm mir in meinem Thermobecher selbst mein liebstes Heißgetränk mit ins Krankenhaus und nach einer Reihe von Monaten war mein Vorhaben dann doch noch von großem Erfolg gekrönt. Ich hatte tatsächlich eine beträchtliche Summe erspart. Als ich meine liebe Frau einige Tage vor unserem Jahrestag mit der Wellnessreise überraschte, hatte sie vor Rührung Tränen in den Augen.
Ich arbeite auf einer onkologischen Station und habe aufgrund der vielen sehr tragischen Schicksale, die mich jeden Tag erreichen und mich zu Tränen rühren, gelernt, dass man jeden Tag zutiefst dankbar sein sollte, wenn man gesund ist und dass die Lebenszeit das wertvollste Gut überhaupt ist. Dieser Gedanke kam mir nun auch im Urlaub wieder in den Sinn und daher haben wir jede Minute unserer gemeinsamen Auszeit in vollen Zügen genossen. Wir hatten zuvor noch nie solch ein edles Hotel besucht und daher alle Attraktionen voll ausgekostet. Die vielfältige Saunawelt, der endlos scheinende Infinity Pool mit Blick auf die majestätischen Berge, das ausgezeichnete Essen und die unvergleichliche Atmosphäre werden uns für immer in Erinnerung bleiben. Wir haben auch einige Wanderungen in den Bergen unternommen, die unsere beiden „Pubertiere“ jedoch gar nicht begeistern konnten, da sie momentan eher in der Phase sind, wo sie sich für ihre Eltern genieren und immerzu einen gewissen Sicherheitsabstand einhalten.
Hier noch etwas zum Schmunzeln: Unsere beiden Jungs haben einen neuen Rekord im Rutschenpark aufgestellt (selbstverständlich ohne uns, wo denkt ihr hin?) und sind sage und schreibe einhundertmal an einem Tag gerutscht. Die beiden Wasserratten träumen noch heute von diesem unvergesslichen Ereignis und ihre Aussage lautete: „Endlich sind wir einmal wie normale Leute auf Urlaub gefahren“. Dazu müsst ihr wissen, dass wir ansonsten immer mit unserem antiquierten Wohnwagen Urlaub machen. Wie dem auch sei, unsere Jungs nennen das Edelweiss „das megacoolste“ Hotel, in dem wir je waren.
Zusammengefasst sind wir eine liebe Familie, die darauf fußt, dass mir vor zwanzig Jahren jemand mehrmals auf die Ferse getreten ist.
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