Es begann schon Wochen vor der Anreise.
Sie hatte längst eine Packliste geschrieben, die Wetter-App täglich kontrolliert und sich gefragt, ob zwei oder drei Gesichtsmasken für ein Wochenende reichen. Die Website des Hotels kannte sie quasi auswendig, die Google-Rezensionen hatte sie natürlich auch ausgiebig studiert. Und auf der Autofahrt zur Seezeitlodge lernte sie bereits das komplette Wochenprogramm auswendig. Sie hatte bereits einen kleinen Plan erstellt, um genau zu koordinieren, wann welcher Kurs und welcher Saunaaufguss am besten in den Tagesablauf passte. Schließlich wollte sie ja nichts verpassen.
Ich fragte genau einen Tag vor unserer Abreise: „Sag mal, wie heißt das eigentlich noch mal, wo wir hinfahren?“
Willkommen in unserer Welt.
In der Seezeitlodge am Bostalsee angekommen, trennten sich unsere Wellness-Wege – zumindest tagsüber.
Sie war am ersten Morgen um Punkt sechs Uhr wach. Nicht, weil sie musste. Sondern weil sie alles aufsaugen wollte.
Mit einem Kaffee im Bademantel saß sie auf dem Balkon und schaute auf den noch ganz stillen Bostalsee. Während der erste Sonnenstrahl über das Wasser wanderte, gönnte sie sich schon die erste Gesichtsmaske des Tages.
Ich schlief. Mit beeindruckender Hingabe.
Von ihrem ambitionierten Morgenprogramm erfuhr ich übrigens erst später – als ich die Fotos im Familienchat sah, die sie bereits um 7:19 Uhr gepostet hatte. Kaffee auf dem Balkon, Bostalsee im Hintergrund, Gesichtsmaske – und vermutlich mehr Wellness, als ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt für möglich gehalten hatte.
Noch vor dem Frühstück ging sie zum ersten Sportkurs des Tages: Pilates. Sie hatte vorher noch nie Pilates gemacht, also war das ihre Chance, etwas für Körper und Geist zu tun und direkt eine neue Sportart auszuprobieren.
Als sie zurückkam, schlief ich noch immer seelenruhig.
Da sie nun bereits drei Stunden wach war und ihre erste Sporteinheit hinter sich hatte, sah sie sich gezwungen, mich zu wecken.
Gemeinsam ging es zum Frühstück.
In dieser Disziplin waren wir uns sofort einig: So ein ausgewogenes, leckeres und vielfältiges Frühstücksbuffet hatten wir bis dahin noch nie gesehen. Und auch hier zeigte sich bereits unsere ganz persönliche Wellness-Balance: Obstsalat und Joghurt für das gute Gewissen, danach Nussmus – und Nutella auf den süßen Waffeln für die Seele.
Gemütlich tranken wir unsere Cappuccini vom Barista und probierten uns durch die besten Eierspeisen.
Danach trennten sich unsere Wege wieder.
Sie: Eine Laufrunde um den Bostalsee. Fitness. Spa. Jede Sauna mindestens einmal. Jeder Aufguss. Jede Teesorte. Sonnenbaden am Naturteich. Ruheraum. Lesen in der Jurte. Und irgendwo zwischendurch natürlich noch eine weitere Gesichtsmaske.
Ihr persönliches Motto: „Wenn das Hotel etwas anbietet, möchte ich es mindestens einmal ausprobiert haben.“
Mein Motto ist deutlich kürzer: „Die Liege ist gut.“
Während sie den See umrundete, umrundete ich höchstens meine Liege – auf der Suche nach meinen Kopfhörern, um mir die nächsten drei Stunden einen Podcast über synthetische Bilddaten, Diffusionsmodelle und die Frage anzuhören, wie man KI-generierte Bilder noch realistischer bekommt.
Während sie den Fitnessbereich testete, testete ich die Bequemlichkeit derselben Sonnenliege. Während sie nach der nächsten Sauna suchte, suchte ich die angenehmste Position für mein Mittagsschläfchen.
Und wisst ihr was? Wir hatten beide recht.
Denn immer wieder trafen sich unsere beiden Wellness-Welten. Beim Frühstück, gemeinsam auf die nächste Eierspeise wartend. Beim Mittagssnack mit einem riesigen Stück Kuchen. Und vor allem beim Abendessen: Wir probierten neugierig möglichst viele Köstlichkeiten. Besonders gefreut haben wir uns über die außergewöhnlichen Gerichte, bei denen immer wieder Zutaten und Kombinationen dabei waren, von denen wir vorher noch nie etwas gehört hatten. Genau das lieben wir: gemeinsam etwas Neues entdecken, darüber staunen und natürlich sofort probieren. Dazu ein Glas Wein, später noch einen Cocktail – und plötzlich war völlig egal, wie spät es war.
Dann erzählten wir uns von unserem Tag. Von ihrem zehnten Programmpunkt. Von meiner perfekten Liege. Von Pilates. Von meinen KI-Podcasts. Und davon, warum KI-generierte Bilder manchmal erstaunlich überzeugende Hände produzieren – und manchmal eben nicht. Und wir mussten beide darüber schmunzeln, wie unterschiedlich wir eigentlich entspannen. Vielleicht ist genau das unser Wellness-Geheimnis. Sie möchte möglichst viel erleben. Ich möchte möglichst wenig müssen. Aber beim Genießen sind wir uns erstaunlich ähnlich. Wir lieben gutes Essen. Wir lieben es, Neues auszuprobieren. Wir sitzen gerne lange zusammen und reden. Und am schönsten ist es, wenn wir dabei irgendwann gar nicht mehr auf die Uhr schauen.
Vielleicht ist Wellness für uns deshalb gar nicht die Sauna, der Pool, die Sonnenliege oder die perfekte Gesichtsmaske.
Vielleicht ist Wellness einfach: Zeit zu haben. Nichts zu müssen. Gut zu essen. Viel zu lachen. Und den Tag mit dem Menschen zu verbringen, mit dem man ihn am liebsten teilt.
Und wenn sie dabei zehn Programmpunkte schafft, während ich drei Stunden auf derselben Liege verbringe? Dann haben wir offenbar beide alles richtig gemacht.
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